Fragen an belit sağ

belit sağ, my camera seems to recognize people

F Kannst du uns etwas über die Motivation hinter my camera seems to recognize people erzählen?

A Eine meiner Hauptfragen ist, wie ich mich als Videomacherin in Situationen wie Krieg und Konflikt und mit den Bildern aus diesen Konflikten verorte. Vor allem dann, wenn auch andere Menschen in meinen Videos zu sehen sind. Das ist eine ethische Frage, der ich mich von einer rein menschlichen Perspektive und mittels ganz einfacher Fragestellungen nähern möchte. Als jemand mit einem video-aktivistischen Hintergrund, der nun einer künstlerischen Tätigkeit nachgeht, bewege ich mich weiterhin in der Grauzone zwischen diesen beiden Ausrichtungen: Immer und immer wieder versuche ich mich zwischen diesen Feldern zu positionieren, je ein Standbein in beiden, ohne eine präskriptive oder zentrale Rolle zu spielen. Die Kunst hilft mir über Bilder zu reflektieren, während mein video-aktivistischer und politisch motivierter Hintergrund mich dazu drängt, meine Arbeit abzugrenzen und mich selbst festzulegen. Seit 2014 reflektiert meine Arbeit diverse Kernproblematiken, wie zum Beispiel die Rolle der Kamera, die Rolle von Bildern und deren Gebrauchsweisen, die Beschaffenheit von aktivistischen Bildern und die Schwierigkeit Bildern gegenüber eine offene, ehrliche und transparente Einstellung zu haben und sich gleichzeitig des manipulativen Charakters - des manipulativen Potenzials von Herausgeberschaft, Kontextualisierung und dergleichen - bewusst zu sein. Zunehmend legt meine Arbeit ihren eigenen Prozess und vor allem ihre Beziehung zu ihren Themenfeldern offen und versucht Konflikte mit Hilfe ihres Bildmaterials zu erhellen. Ich habe erkannt, dass ich keine Bilder machen kann ohne über die Beziehungen zu sprechen, die sich um die Kamera herum darstellen; ich kann diese Beziehungen nicht als selbstverständlich erachten.

belit sağ, belit sağ, my camera seems to recognize people, Dreikanal-Video, 2015 © belit sağ

F Paradoxerweise ist das Thema Abwesenheit sehr präsent in diesem Video. Du schreibst über die Erfindung der 0 als eine Methode um Abwesenheit zu ergründen oder zu verdeutlichen. Kannst du das genauer beschreiben? Hängt es mit den Grenzen der Darstellung und der gespenstischen Abwesenheit zusammen, die in ihrer eigenen Beschaffenheit schon sehr präsent zu sein scheint?

A In den ersten beiden Aufnahmen von my camera seems to recognize people filme ich ein Standbild und stelle Fragen in Bezug auf den Tod: Was lösen Bilder im Falle solchen Leids und solcher Abwesenheit aus? Was bedeutet es, solche gravierenden Probleme zu filmen? Wie geht man mit diesen mittels Bildern aufgezeigten Kernproblematiken und der Selbstreferenzialität solcher Bilder um? Bilder von Verstorbenen, von denen, die ihre Liebsten verlieren mussten und von jenen, die überleben konnten. In der ersten Aufnahme wurden 2015, nach den Anschlägen seitens der türkischen Streitmacht, unbewegte Bilder von Toten, während einer Beerdigungszeremonie in der kurdischen Dorfgemeinde Cizre aufgenommen. In der zweiten Aufnahme sieht man das Standbild einer Witwe eines anarchistischen Aktivisten, der 2015 bei einem Bombenanschlag während einer Friedensparade in Ankara ums Leben kam. Dieses Bild ist gleichermaßen scharf und auch unscharf eingestellt. Die dritte Aufnahme beinhaltet gar keine Standbilder. Sie zeigt ein kleines Mädchen, was auf die Kamera zukommt, um ihre Wunden zu zeigen; sie erkennt die Kamera und hat den Anspruch an die Kamera, ihre Wunde wahrzunehmen. Ihre Mutter aber unterbricht den Moment und macht sich über das Mädchen lustig: „Wir haben deinen Kratzer jetzt lange genug gesehen.“ Sie zerstört den Moment, in dem die Opferfigur von der Kamera personalisiert wird. Am besten sieht man solche Momente mit Humor. Ich liebe diesen Moment. Alle drei Aufnahmen spiegeln die Themen Präsenz und Abwesenheit. Alle drei verweisen auf einen gewissen offenbarenden Prozess.

F Viele deiner Arbeiten scheinen viel eher die Gewalt der Darstellung als die Darstellung der Gewalt zu thematisieren. Als Künstlerin und Filmproduzentin beschäftigst du dich nichtsdestotrotz in erster Linie mit Bildern und somit mit verschiedenen Darstellungsformen. Wie näherst du dich dieser Herausforderung?

A Obwohl ich mich in meiner Arbeit mit der Enthüllung brutaler Bilder auseinandersetze, interessiere ich mich in gleicher Weise sehr für die Ausdehnung der Begrifflichkeit von Gewalt, genauso wie ich nicht nur über die Gewalt der Darstellung, sondern auch über die Frage, wie dieses Moment bewältigt werden kann, nachdenke. Ulus Baker sagte dazu einmal etwa Folgendes: Du kannst auf ein Bild nur mit einem weiteren Bild antworten. Ich nehme mich dieser Herausforderung an, obwohl es ein Spiel ist, das man nur verlieren kann, da es definitiv dieses eine richtige Bild gar nicht gibt. Ich denke zwar nicht, dass es so funktioniert, aber ich erachte es für extrem wichtig eine Sprache, beziehungsweise Sprachen, zu finden, visuell und verbal, um diese Problematiken anzusprechen. Aus diesem Grund werde ich nicht aufhören, über diese Kernprobleme zu sprechen und Bilder zu machen, weil ich finde, dass es sehr wichtig ist, diese beiden Seiten so eng wie möglich zu verknüpfen. Das sind zwar keine grundlegend neuen Gedanken, aber ich bin trotzdem der Ansicht, dass sie auch gegenwärtig immer noch von außerordentlicher Relevanz sind.

belit sağ, my camera seems to recognize people, Dreikanal-Video, 2015 © belit sağ

my camera seems to recognize people ist Teil der Ausstellung Resisting Images im Heidelberger Kunstverein