Sichtbarkeit und Navigation: Die neuen Bilder der Flucht

Tom Holert

Das Bild der Flucht ist meist eines der Geflüchteten. Die visuelle Repräsentation der grenzüberschreitenden Bewegung, des Wartens in Notaufnahmelagern oder der (glückenden und scheiternden) Integration in Einwanderungsgesellschaften gehört zum festen Repertoire der humanitären und journalistischen Fotografie.
Das Fotografiert- und Gefilmtwerden ist ebenso Bestandteil des Lebens von Geflüchteten wie dessen Gegenteil, die Unsichtbarkeit, die Verweigerung eines Bildes, das eine Chance auf öffentliche Verbreitung und Präsenz hätte. Flucht und Migration sind aufgrund ihrer politischen Folgen und menschlichen Schicksale immer auch Motive der Spektakelkultur, selbst dann, wenn die Bildproduzentinnen und -produzenten der Kapitalisierung von Not, Armut und Elend entsagen. Mit anderen Worten, Flucht und Migration sind ein Spektakel sogar in ihrer visuellen Abwesenheit, wenn die Existenz von Geflüchteten, von Migrantinnen und Migranten nur bildloses, dafür aber vielleicht umso leichter ideologisierbares Gerücht bleibt. So stellt sich die dringende Frage nach der Möglichkeit aktiver Teilhabe an der Gemeinschaft der Bilder. Wann und wie sind Geflüchtete und Migrantinnen und Migranten Subjekte der Bildproduktion, wann und wie erlangen sie visuelle Handlungsfähigkeit?

Migrant Image Research Group, Ausschnitt aus der Bildgeschichte: Foto-Agentur Contrasto, Rom, Zeichnerin: Emilie Josso. Ausstellung Andere Zeugenschaften, Zephyr - Raum für Fotografie in den Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim, 2017 © Migrant Image Research Group, Foto: Andreas Langfeld

Indem sie Geflüchtete, Migrantinnen und Migranten mit Kameras ausstatteten, um ihren Alltag auf der Flucht oder bei der Abschiebung zu dokumentieren, gelang es in der jüngeren Vergangenheit Video- und Fotoprojekten wie Blackbox Abschiebung oder RefugeeCameras, auf die tatsächliche oder potenzielle visuelle Arbeit der Betroffenen aufmerksam zu machen. In einem nächsten Schritt, der auch die seither stattgefundene technische Entwicklung von Smartphones und anderen „handheld devices“ berücksichtigt, werden die Internet-gestützten Kommunikationen von Geflüchteten und Migrantinnen und Migranten untersucht. Mapping Refugee Media Journeys, eine gemeinsame Studie der Open University und von France Média Monde, deren Abschlussbericht 2016 veröffentlicht wurde, verdeutlicht in selten differenzierter Form, welche Rolle die Verfügbarkeit von digitaler Kommunikationstechnologie für die Lebenswirklichkeit gerade von Geflüchteten und Migrantinnen und Migranten hat. Smartphones sind ein unersetzliches Instrument zur Bewältigung von Mobilität unter oft lebensgefährlichen Bedingungen, sie gewährleisten Konnektivität, das heißt den Kontakt mit Angehörigen, die sich in den Herkunftsregionen oder ebenfalls auf dem Weg befinden, zu migrantischen Gemeinschaften an den Zielorten und der gesamten Infrastruktur translokaler Mobilität, von Schleuserorganisationen bis zu Einwanderungsbehörden. Weil die Telefone der meisten Migrantinnen und Migranten auch den Zugang zum Internet ermöglichen und Kameras für digitale Bildgebung enthalten, sind sie auch Produktionsmittel, Verbreitungsmedien und Archive für Fotografien und Videos. Mit dem Medientheoretiker Paul Frosh ließe sich von einer Koppelung der physisch-geografischen Mobilität der Migration mit der „kinästhetischen Geselligkeit“ des „gestischen Bildes“, wie sie sich etwa im Genre des Selfies verkörpert, sprechen; denn viele Bilder, die auf den Reisen der Migrantinnen und Migranten entstehen, sollen quasi-indexikalisch die Präsenz der fotografierenden oder filmenden Person an einem bestimmten Ort für andere Mitglieder des Netzwerks dokumentieren. Darüber hinaus aber zeichnet Smartphones und ihre Benutzung durch Migrantinnen und Migranten eine spezifische Ambivalenz aus. Sie sind einerseits ikonisch für die Realität der Mobilität der Gegenwart: Bilder von Geflüchteten, die ihr Handy in die Luft halten, auf der Suche nach einem funktionierenden Netz, gehören zum Bilderschatz zeitgenössischer Reportagefotografie. Andererseits sind die Smartphones im Gepäck auch die Voraussetzung der Überwachbarkeit der Wege und Routen der Migrantinnen und Migranten; sie sichern ihre Sichtbarkeit für die staatlichen polizeilichen Exekutivorgane, weil die von ihnen ausgehenden Signale die Verfolgung ihrer Spuren mithilfe satellitengestützter Lokalisierungs- und Navigationsinstrumente erlauben. Das Nachzeichnen einer Route zu Kontrollzwecken verhält sich dabei komplementär zur Projektion einer Route, wie sie die Subjekte der Migration vornehmen. GPS ermöglicht nicht nur die Überwachung, sondern auch die Erarbeitung und die Verwendung von Kartografien der Flucht. Der Soziologe William Walters spricht von „viapolitics“, einer Politik der Route und der Wegbahnung. Deren Visualität beschränkt sich freilich nicht auf die grafischen Displays von Navigations-Apps, sondern ist in die Komplexität eines umfassenden, auch medial-ästhetischen Kampfes um das Recht auf Mobilität eingebettet. Wie Vassilis Tsianos, Dimitris Parsanoglou und Nicos Trimikliniotis 2014 in ihrem Buch mit dem sprechenden Titel Mobile Commons. Migrant Digitalities and the Right to the City untersucht haben, sind die medialen Strategien bei der Herstellung von Sichtbarkeit für die Kämpfe der Migrantinnen und Migranten aufs Engste verbunden mit der Praxis mobiler Technologien. Auch für die Funktionen der Fotografie und des fotografischen Bildes gilt hier, dass sie sich nur noch als Elemente einer techno-sozialen Assemblage angemessen analysieren lassen. Denn das Foto, das eine Migrantin macht, um ihre Situation in der Mobilität ins Bild zu setzen, ist durchmustert von zahllosen Metadaten und Standortinformationen. Ein solches Foto ist daher immer auch ein Mittel der Navigation durch den physischen wie digitalen Raum, durch unwegsames Unterholz in einer Küstenregion auf dem Weg zum Schleuserboot oder über die Plattformen der sozialen Medien auf der Suche nach relevantem Kartenmaterial und Lebenszeichen aus dem Netzwerk.


Übersetzung: Stephan Glietsch

Tom Holert (* 1962) übte nach dem Studium in Hamburg und Paris als Kunsthistoriker, Kurator und Künstler redaktionelle Tätigkeiten etwa für Spex in Köln aus und hatte Professuren an der Merz Akademie in Stuttgart und an der Akademie der bildenden Künste in Wien inne. Er ist einer der Mitbegründer des Harun Farocki Instituts in Berlin.